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Ein Thema bewegt uns z.Zt. alle: Nach 700 Jahren droht die rechtliche Auflösung der selbstständigen Kirchengemeinde St. Marien Oythe. Wenn Pater Ulrich (St. Marien Oythe) und Pfarrer R. Büssing (Maria Frieden) die Altersgrenze erreichen, ist die Zusammenlegung der bisherigen selbstständigen Pfarrgemeinden St. Georg, Maria Frieden, St. Marien Oythe und St. Jakobus Lutten beschlossene Sache (ca. 15 000 Seelen!!).Über Jahrhunderte gewachsene Strukturen und Gewohnheiten werden mit der beabsichtigten Maßnahme aufgehoben bzw. bedroht. Die Kirchengemeinde unseres Dorfes/Stadtteiles war und ist Ausgangspunkt vieler Aktivitäten und damit Voraussetzung für das Oyther Wir-Gefühl, das Ausdruck findet in vielen Vereinen, Gruppen und Organisationen. Daher lässt die geplante Maßnahme die Gemüter nicht zur Ruhe kommen, so dass – unabhängig von der Konfession – viele erregte Diskussionen die Folge waren. Diese begannen mit dem Brief des Herrn Weihbischofs Heinrich Timmerevers vom 3.1.2004 und fanden überregional ihren Niederschlag in vielen Leserbriefen in der Zeitung „Kirche und Leben“ (KuL).
Auf
Grund des Rückgangs der Priester- sowie Kirchenbesucherzahl und sinkender
Kirchensteuermittel sind die Verantwortlichen zum Handeln gezwungen. Sie haben
sich im Offizialatsbezirk Vechta bzw. im Bistum Münster für Fusion von
bisher selbstständigen Kirchengemeinden entschlossen, d.h. zur Auflösung
bestehender Pfarrgemeinden. Im Bistum Osnabrück hat man sich für Seelsorgeeinheiten
entschieden, d.h. die Pfarrgemeinden bleiben rechtlich und damit organisatorisch
bestehen – ein Pfarrer ist für die seelsorgerische Betreuung mehrerer
Gemeinden zuständig. Ziele
der Fusion sind u.a.: die Einsparung finanzieller Mittel, die Entlastung der
Pfarrer und die „pastorale Differenzierung“, d.h. in einer Großgemeinde könnten
z.B. zwei Pastöre gemäß ihrer spezifischen Begabung und Interessen eingesetzt
werden. Gegen das vorgelegte Konzept erheben sich jedoch gravierende Bedenken und Zweifel. Ob
durch die Neustrukturierung allein – abgesehen von den in Zukunft weniger
vorhandenen Pastören, den weniger erforderlichen Küsterstunden und den weniger
beschäftigten Pfarrsekretärinnen – fühlbar Geld eingespart wird, darf
angezweifelt werden. Durch die Abgabe der Finanzhoheit an die Zentrale einer Großgemeinde
befürchten die Leute vor Ort den Verkauf von Kirchenräumen, weniger Stunden im
Pfarrbüro, weniger Personal vor Ort usw. Die
größte Sorge besteht wohl darin, dass die jetzigen kleinen Gemeinden auf die
Entscheidungen in den dann neu zu wählenden Gremien (Kirchenausschuss,
Pfarrgemeinderat) zu wenig Einfluss haben werden. Es wird keine Sperrminorität
geben. Allgemein befürchtet man/frau, dass diese Gremien in der Wahrnehmung der
Sorgen bzw. der Erledigung der Aufgaben vor Ort total überfordert sein werden.
Welcher gewählte Vertreter aus dem Süden Vechtas hat einen Bezug zu den Vorgängen
bzw. Erfordernissen in Lutten und umgekehrt? Wie kann man/frau einen Vertreter
aus Oythe ermutigen, das Pfarrfest in St. Georg zu organisieren, oder gibt es in
Zukunft nur noch ein zentrales Pfarrfest für die Großgemeinde? Die geplante
erste Zentralfirmung für das Dekanat Vechta in Goldenstedt am 10.12.2005 lässt
dies befürchten! Bis heute verwaltet in jeder Gemeinde ein Provisor die
finanziellen Abläufe neben seinem Beruf. Der Provisor der zukünftigen Großgemeinde
wird das kaum leisten können; er wird vermutlich hauptamtlich eingestellt
werden müssen (Kostenersparnis?). Größte
Bedenken gegenüber der Fusion ergeben sich ferner aus der Sorge, dass durch die
Zentralisierung – ein gemeinsamer Kirchenausschuss bzw. Pfarrgemeinderat –
weniger Ansprechpartner bzw. Ehrenamtliche in den bisherigen kleinen Gemeinden
aktiv sein werden. Ein funktionsfähiges Gremium darf die Zahl 30 vermutlich
nicht überschreiten; dies würde bedeuten, dass Oythe in Zukunft wesentlich
weniger gewählte Vertreter (St. Georg 8000 Seelen = 15 Vertreter, Maria Frieden
4000 S. = 7 V., St. Jakobus Lutten 2000 S. = 4 V. und St. Marien Oythe 2000 S. =
4 V.) als im bisherigen Kirchenausschuss (10) bzw. Pfarrgemeinderat (19) vor Ort
stellen wird (Modellrechnung). Von den vielen Vorbereitungsgruppen vor Ort, die
einen kurzen und direkten Draht zu den Leitungsgremien haben müssen, ist noch
gar nicht die Rede. So viele Ehrenamtliche wie in den letzten 30/40 Jahren hat
die kath. Kirche in ihrer bisherigen Geschichte nie gehabt. Diese tragen das
Gemeindeleben, und bei ihnen abzubauen bedeutet die schleichende Auflösung der
Volkskirche, soweit wir davon noch sprechen dürfen. Die Zentralisierung führt
zu einem Verlust an Identitätsgefühl, das Voraussetzung ist für die
Bereitschaft zum Engagement. Die Kirche der Zukunft braucht vermutlich mehr
engagierte Freiwillige als heute, damit diese als Zeugen der Frohen Botschaft
„in kleinen Einheiten“ vor Ort wirken und die Kirche als Organisation tragen
bzw. stützen. In seinem Brief vom 3.1.2004 spricht Herr Weihbischof Timmerevers
zweimal von „vielen kleinen Gemeinschaften und Gemeinden“. Wie dies bei dem
jetzigen Modell der Großgemeinden umgesetzt werden soll, bleibt bislang noch
vielen ein Rätsel. Verglichen
mit dem Modell der Seelsorgeeinheiten weist das Fusionsmodell erhebliche
Mängel auf. Bei dem Modell der Seelsorgeeinheiten sind die kleinen Gemeinden
vor Ort gefordert, ihr Gemeindeleben fruchtbar und lebendig zu gestalten. Dies
steht und fällt mit vielen engagierten Christen vor Ort. Zentralisierung
durch Fusion führt zu Ferne und Distanz, die Betroffenheit kaum aufkommen
lassen. Diese Situation fördert vermutlich die Bereitschaft zum Austritt aus
der Organisation „Kirche“. Bei den über 50Jährigen ist auf Grund
gewachsener Nähe zur Kirche – in der Jugend erlebte Gemeinschaft im Glauben
und Handeln – dieser Schritt so schnell nicht zu erwarten; diejenigen, die
Kirche in Zukunft vor Ort nicht mehr hautnah erleben werden, werden sich eher lösen.
Dann sind wir auf dem Weg in kleine Diasporagemeinden, die für die Mitglieder
auch reizvolle Seiten haben können. Unser Auftrag ist aber doch, möglichst
viele für die Sache Jesu zu begeistern, und sich nicht auf eine Rumpfkirche zu
beschränken. Oder haben sich die Verantwortlichen mit der Diasporasituation
schon abgefunden? Wer gewinnt bei einer Zentralisierung – wer verliert?Die Soziologen geben uns Folgendes zu bedenken: Zentralisierung dient in einer hierarchisch strukturierten Ordnung oft weniger den Interessen der Basis als denen der Leitung. Damit lassen sich die Ziele der „Spitze“ mit Hilfe einer funktionierenden Verwaltung von oben nach unten schneller durchsetzen. Auf der Strecke bleibt dabei die Einbindung der Basis in die Entscheidungsprozesse. Wenn der Mensch vor Ort sich nicht angesprochen fühlt, kann Engagement von ihm nicht erwartet werden. Demokratisierung der Gesellschaft und föderalistische Strukturen haben z.Zt. – Globalisierung und Ausrichtung vieler gesellschaftlichen Bereiche nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten – leider keine Konjunktur. Eine
zentrale Forderung der Kath. Soziallehre ist jedoch das „Subsidiaritätsprinzip“,
d.h. übergeordnete Gremien mischen sich erst ein, wenn kleinere Organisationen
mit den notwendigen Aufgaben vor Ort überfordert sind. In diesem Zusammenhang
fordert der Diözesanratsvorsitzende der Diözese Aachen, Thomas Müller: „Wir
brauchen kein Ausbluten der Gemeinden durch Zentralisierung, sondern mehr
Eigenverantwortung und Selbstorganisation vor Ort“. (Publik Forum Nr. 22/2004,
S. 34). Wie
könnte eine neue Aufgabenteilung zwischen Priestern und Laien etwas zur
Problemlösung beitragen? Die
Seelsorge als ureigenste Aufgabe des Priesters sollte im Mittelpunkt seiner
Arbeit vor Ort stehen, unterstützt von möglichst vielen Laien. Die
Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Seelsorge gelingen kann, sollte man den
Gemeindemitgliedern überlassen. Daher ist eine Entlastung der Pfarrer unbedingt
erforderlich. Ist es notwendig, dass Pfarrer Vorsitzende von Aufsichtsgremien in
Krankenhäusern, Altenheimen usw. sind? In Oythe haben wir seit einiger Zeit
keinen Priester mehr als „Vorsitzenden“ der Kirchengemeinde, Hans Holzenkamp
ist das beste Beispiel dafür, dass Laien das hervorragend leisten können. Ob
die geplanten Fusionen „der beste Weg in die Zukunft“ sind und zu einer
„menschennahen Seelsorge“ führen (KuL Nr. 24, 13.6.2004) und unsere Kirche
mit diesem Modell ihrem missionarischen Auftrag gerecht werden kann, wird von
nicht wenigen bezweifelt. Wenn in
der Zeitung „Kirche und Leben“ vom 14.11.2004 berichtet wird: „Die
Mehrheit ist dafür“, so bezieht sich diese Feststellung auf die
Stellungnahmen der Gremien der einzelnen Pfarrgemeinden. Bei der Einschätzung
ist aber zu beachten, dass unter der Zentralisierung in erster Linie die
kleineren Gemeinden leiden, für die größeren ist mit gravierenden Veränderungen
durch die Fusion bzw. Eingemeindung nicht zu rechnen. Interessant wäre es
gewesen, wenn die Gremien der einzelnen Gemeinden sich hätten entscheiden können
zwischen dem Modell der Seelsorgeeinheiten und dem jetzt beschlossenen
Fusionsmodell. Wenn ein Modell schon vorgegeben ist, bleibt für die Basis nicht
mehr ganz viel Spielraum. Andere Ansätze wären vonnöten.Mit
dem Modell der Fusionen wird das zentrale Problem der heutigen kath. Kirche, der
Rückgang der Kirchenbesucherzahlen, nicht gelöst, vermutlich wird der Trend
sogar noch gefördert. Wie hätten die Verantwortlichen entschieden, wenn genügend
Priester vorhanden gewesen wären? Der Mangel an Priestern wird als Begründung
für die Zusammenlegungen angeführt. Ist hier nicht ein falscher Ansatz gewählt
worden? An der Basis wird frei und offen gefordert, dass die Verantwortlichen
die Rahmenbedingungen dafür schaffen müssen, das sich genug Seelsorger finden,
dabei sind der Zölibat bzw. das Priestertum der Frauen keine Tabuthemen. Die
Basis will die Seelsorge gesichert sehen. Sie erwartet, dass hauptamtliche
Seelsorger vor Ort oder in erreichbarer Nähe sind, die mit in der Gemeinde
verwurzelten Ehrenamtlichen kooperieren und die Menschen im Geiste Jesu und der
christlichen Tradition begleiten. Ich
wünsche mir für Oythe Rückgrat und Stehvermögen bei den Verantwortlichen in
den Gremien der Kath. Kirchengemeinde St. Marien Oythe, damit auch in Zukunft
„die Kirche im Dorf bleibt“! Wegen der drohenden Fusion hoffe ich, dass noch
mehr Engagierte dafür sorgen, dass unsere nachwachsenden Generationen
ansprechende Lebensbedingungen in Oythe vorfinden. Georg
(Fiti) Böske
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