Auszug Heft 18"Dei Müse van Aite"  Dei Müse van Aite    Denkmal "Dei Müse van Aite" beim Pfarrhaus in Oythe
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Liebe MitbürgerInnen von Oythe!

Ein Thema bewegt uns z.Zt. alle: Nach 700 Jahren droht die rechtliche Auflösung der selbstständigen Kirchengemeinde St. Marien Oythe. Wenn Pater Ulrich (St. Marien Oythe) und Pfarrer R. Büssing (Maria Frieden) die Altersgrenze erreichen, ist die Zusammenlegung der bisherigen selbstständigen Pfarrgemeinden St. Georg, Maria Frieden, St. Marien Oythe und St. Jakobus Lutten beschlossene Sache (ca. 15 000 Seelen!!).

Über Jahrhunderte gewachsene Strukturen und Gewohnheiten werden mit der beabsichtigten Maßnahme aufgehoben bzw. bedroht. Die Kirchengemeinde unseres Dorfes/Stadtteiles war und ist Ausgangspunkt vieler Aktivitäten und damit Voraussetzung für das Oyther Wir-Gefühl, das Ausdruck findet in vielen Vereinen, Gruppen und Organisationen. Daher lässt die geplante Maßnahme die Gemüter nicht zur Ruhe kommen, so dass – unabhängig von der Konfession – viele erregte Diskussionen die Folge waren. Diese begannen mit dem Brief des Herrn Weihbischofs Heinrich Timmerevers vom 3.1.2004 und fanden überregional ihren Niederschlag in vielen Leserbriefen in der Zeitung „Kirche und Leben“ (KuL).


Was sind die Hintergründe dieser Maßnahme?

Auf Grund des Rückgangs der Priester- sowie Kirchenbesucherzahl und sinkender Kirchensteuermittel sind die Verantwortlichen zum Handeln gezwungen. Sie haben sich im Offizialatsbezirk Vechta bzw. im Bistum Münster für Fusion von bisher selbstständigen Kirchengemeinden entschlossen, d.h. zur Auflösung bestehender Pfarrgemeinden. Im Bistum Osnabrück hat man sich für Seelsorgeeinheiten entschieden, d.h. die Pfarrgemeinden bleiben rechtlich und damit organisatorisch bestehen – ein Pfarrer ist für die seelsorgerische Betreuung mehrerer Gemeinden zuständig.

Ziele der Fusion sind u.a.: die Einsparung finanzieller Mittel, die Entlastung der Pfarrer und die „pastorale Differenzierung“, d.h. in einer Großgemeinde könnten z.B. zwei Pastöre gemäß ihrer spezifischen Begabung und Interessen eingesetzt werden.

Gegen das vorgelegte Konzept erheben sich jedoch gravierende Bedenken und Zweifel.

Ob durch die Neustrukturierung allein – abgesehen von den in Zukunft weniger vorhandenen Pastören, den weniger erforderlichen Küsterstunden und den weniger beschäftigten Pfarrsekretärinnen – fühlbar Geld eingespart wird, darf angezweifelt werden. Durch die Abgabe der Finanzhoheit an die Zentrale einer Großgemeinde befürchten die Leute vor Ort den Verkauf von Kirchenräumen, weniger Stunden im Pfarrbüro, weniger Personal vor Ort usw.

Die größte Sorge besteht wohl darin, dass die jetzigen kleinen Gemeinden auf die Entscheidungen in den dann neu zu wählenden Gremien (Kirchenausschuss, Pfarrgemeinderat) zu wenig Einfluss haben werden. Es wird keine Sperrminorität geben. Allgemein befürchtet man/frau, dass diese Gremien in der Wahrnehmung der Sorgen bzw. der Erledigung der Aufgaben vor Ort total überfordert sein werden. Welcher gewählte Vertreter aus dem Süden Vechtas hat einen Bezug zu den Vorgängen bzw. Erfordernissen in Lutten und umgekehrt? Wie kann man/frau einen Vertreter aus Oythe ermutigen, das Pfarrfest in St. Georg zu organisieren, oder gibt es in Zukunft nur noch ein zentrales Pfarrfest für die Großgemeinde? Die geplante erste Zentralfirmung für das Dekanat Vechta in Goldenstedt am 10.12.2005 lässt dies befürchten! Bis heute verwaltet in jeder Gemeinde ein Provisor die finanziellen Abläufe neben seinem Beruf. Der Provisor der zukünftigen Großgemeinde wird das kaum leisten können; er wird vermutlich hauptamtlich eingestellt werden müssen (Kostenersparnis?).

Größte Bedenken gegenüber der Fusion ergeben sich ferner aus der Sorge, dass durch die Zentralisierung – ein gemeinsamer Kirchenausschuss bzw. Pfarrgemeinderat – weniger Ansprechpartner bzw. Ehrenamtliche in den bisherigen kleinen Gemeinden aktiv sein werden. Ein funktionsfähiges Gremium darf die Zahl 30 vermutlich nicht überschreiten; dies würde bedeuten, dass Oythe in Zukunft wesentlich weniger gewählte Vertreter (St. Georg 8000 Seelen = 15 Vertreter, Maria Frieden 4000 S. = 7 V., St. Jakobus Lutten 2000 S. = 4 V. und St. Marien Oythe 2000 S. = 4 V.) als im bisherigen Kirchenausschuss (10) bzw. Pfarrgemeinderat (19) vor Ort stellen wird (Modellrechnung). Von den vielen Vorbereitungsgruppen vor Ort, die einen kurzen und direkten Draht zu den Leitungsgremien haben müssen, ist noch gar nicht die Rede. So viele Ehrenamtliche wie in den letzten 30/40 Jahren hat die kath. Kirche in ihrer bisherigen Geschichte nie gehabt. Diese tragen das Gemeindeleben, und bei ihnen abzubauen bedeutet die schleichende Auflösung der Volkskirche, soweit wir davon noch sprechen dürfen. Die Zentralisierung führt zu einem Verlust an Identitätsgefühl, das Voraussetzung ist für die Bereitschaft zum Engagement. Die Kirche der Zukunft braucht vermutlich mehr engagierte Freiwillige als heute, damit diese als Zeugen der Frohen Botschaft „in kleinen Einheiten“ vor Ort wirken und die Kirche als Organisation tragen bzw. stützen. In seinem Brief vom 3.1.2004 spricht Herr Weihbischof Timmerevers zweimal von „vielen kleinen Gemeinschaften und Gemeinden“. Wie dies bei dem jetzigen Modell der Großgemeinden umgesetzt werden soll, bleibt bislang noch vielen ein Rätsel.

Verglichen mit dem Modell der Seelsorgeeinheiten weist das Fusionsmodell erhebliche Mängel auf. Bei dem Modell der Seelsorgeeinheiten sind die kleinen Gemeinden vor Ort gefordert, ihr Gemeindeleben fruchtbar und lebendig zu gestalten. Dies steht und fällt mit vielen engagierten Christen vor Ort.

Zentralisierung durch Fusion führt zu Ferne und Distanz, die Betroffenheit kaum aufkommen lassen. Diese Situation fördert vermutlich die Bereitschaft zum Austritt aus der Organisation „Kirche“. Bei den über 50Jährigen ist auf Grund gewachsener Nähe zur Kirche – in der Jugend erlebte Gemeinschaft im Glauben und Handeln – dieser Schritt so schnell nicht zu erwarten; diejenigen, die Kirche in Zukunft vor Ort nicht mehr hautnah erleben werden, werden sich eher lösen. Dann sind wir auf dem Weg in kleine Diasporagemeinden, die für die Mitglieder auch reizvolle Seiten haben können. Unser Auftrag ist aber doch, möglichst viele für die Sache Jesu zu begeistern, und sich nicht auf eine Rumpfkirche zu beschränken. Oder haben sich die Verantwortlichen mit der Diasporasituation schon abgefunden?

 

Wer gewinnt bei einer Zentralisierung – wer verliert?

Die Soziologen geben uns Folgendes zu bedenken: Zentralisierung dient in einer hierarchisch strukturierten Ordnung oft weniger den Interessen der Basis als denen der Leitung. Damit lassen sich die Ziele der „Spitze“ mit Hilfe einer funktionierenden Verwaltung von oben nach unten schneller durchsetzen. Auf der Strecke bleibt dabei die Einbindung der Basis in die Entscheidungsprozesse. Wenn der Mensch vor Ort sich nicht angesprochen fühlt, kann Engagement von ihm nicht erwartet werden. Demokratisierung der Gesellschaft und föderalistische Strukturen haben z.Zt. – Globalisierung und Ausrichtung vieler gesellschaftlichen Bereiche nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten – leider keine Konjunktur.

Eine zentrale Forderung der Kath. Soziallehre ist jedoch das „Subsidiaritätsprinzip“, d.h. übergeordnete Gremien mischen sich erst ein, wenn kleinere Organisationen mit den notwendigen Aufgaben vor Ort überfordert sind. In diesem Zusammenhang fordert der Diözesanratsvorsitzende der Diözese Aachen, Thomas Müller: „Wir brauchen kein Ausbluten der Gemeinden durch Zentralisierung, sondern mehr Eigenverantwortung und Selbstorganisation vor Ort“. (Publik Forum Nr. 22/2004, S. 34).

 

Wie könnte eine neue Aufgabenteilung zwischen Priestern und Laien etwas zur Problemlösung beitragen?

Die Seelsorge als ureigenste Aufgabe des Priesters sollte im Mittelpunkt seiner Arbeit vor Ort stehen, unterstützt von möglichst vielen Laien. Die Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Seelsorge gelingen kann, sollte man den Gemeindemitgliedern überlassen. Daher ist eine Entlastung der Pfarrer unbedingt erforderlich. Ist es notwendig, dass Pfarrer Vorsitzende von Aufsichtsgremien in Krankenhäusern, Altenheimen usw. sind? In Oythe haben wir seit einiger Zeit keinen Priester mehr als „Vorsitzenden“ der Kirchengemeinde, Hans Holzenkamp ist das beste Beispiel dafür, dass Laien das hervorragend leisten können.

Ob die geplanten Fusionen „der beste Weg in die Zukunft“ sind und zu einer „menschennahen Seelsorge“ führen (KuL Nr. 24, 13.6.2004) und unsere Kirche mit diesem Modell ihrem missionarischen Auftrag gerecht werden kann, wird von nicht wenigen  bezweifelt. Wenn in der Zeitung „Kirche und Leben“ vom 14.11.2004 berichtet wird: „Die Mehrheit ist dafür“, so bezieht sich diese Feststellung auf die Stellungnahmen der Gremien der einzelnen Pfarrgemeinden. Bei der Einschätzung ist aber zu beachten, dass unter der Zentralisierung in erster Linie die kleineren Gemeinden leiden, für die größeren ist mit gravierenden Veränderungen durch die Fusion bzw. Eingemeindung nicht zu rechnen. Interessant wäre es gewesen, wenn die Gremien der einzelnen Gemeinden sich hätten entscheiden können zwischen dem Modell der Seelsorgeeinheiten und dem jetzt beschlossenen Fusionsmodell. Wenn ein Modell schon vorgegeben ist, bleibt für die Basis nicht mehr ganz viel Spielraum.

 

Andere Ansätze wären vonnöten.

Mit dem Modell der Fusionen wird das zentrale Problem der heutigen kath. Kirche, der Rückgang der Kirchenbesucherzahlen, nicht gelöst, vermutlich wird der Trend sogar noch gefördert. Wie hätten die Verantwortlichen entschieden, wenn genügend Priester vorhanden gewesen wären? Der Mangel an Priestern wird als Begründung für die Zusammenlegungen angeführt. Ist hier nicht ein falscher Ansatz gewählt worden? An der Basis wird frei und offen gefordert, dass die Verantwortlichen die Rahmenbedingungen dafür schaffen müssen, das sich genug Seelsorger finden, dabei sind der Zölibat bzw. das Priestertum der Frauen keine Tabuthemen. Die Basis will die Seelsorge gesichert sehen. Sie erwartet, dass hauptamtliche Seelsorger vor Ort oder in erreichbarer Nähe sind, die mit in der Gemeinde verwurzelten Ehrenamtlichen kooperieren und die Menschen im Geiste Jesu und der christlichen Tradition begleiten.

Ich wünsche mir für Oythe Rückgrat und Stehvermögen bei den Verantwortlichen in den Gremien der Kath. Kirchengemeinde St. Marien Oythe, damit auch in Zukunft „die Kirche im Dorf bleibt“! Wegen der drohenden Fusion hoffe ich, dass noch mehr Engagierte dafür sorgen, dass unsere nachwachsenden Generationen ansprechende Lebensbedingungen in Oythe vorfinden.

Mit freundlichem Gruß

Georg (Fiti) Böske  

Quelle: Heft Nr. 18 des Heimatverein Oythe vom März 2005 - komplettes Heft als Download hier

 
Interessengemeinschaft Seelsorgeeinheit
Kontaktadressen:
Brigitte Koscharre 49377 Vechta Asternweg 10 a
Erika Beuse 49377 Vechta Telbraker Str. 9

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